





Das Bauvorhaben in der Zschokkestraße/Wilhelm-Riehl-Straße kann man durchaus als „große Baustelle” bezeichnen. Insgesamt werden auf dem rund 10.000 Quadratmeter großem Grundstück 179 Eigentumswohnungen im West-Teil und weitere 130 Mietwohnungen im östlichen Teil entstehen. Ein Quartier in der Größe zu realisieren, erfordert einen für Laien kaum zu erahnenden Planungsprozess. Von der ersten Idee für den Grundriss bis hin zum Einsetzen des Türschlosses der Wohnung oder dem Festschrauben einer Steckdose gibt es unzählige Pläne, die erstellt, überprüft, eventuell korrigiert, freigegeben und dann umgesetzt werden müssen. Der Weg einer Steckdose von der Zeichnung im Plan bis zur Anbringung an der Wand ist kein leichter.
Neun Phasen bis zum glücklich Wohnen
Damit das Planen in einer geordneten Abfolge geschieht, wird vor dem eigentlichen Baubeginn eines jeden Gebäudes die Planung, die Vergabe und die Objektüberwachung in neun einzeln festgelegte Leistungsphasen unterteilt. Von der Grundlagenermittlung, über die Vorplanung und dem umfangreichen kreativen Entwurf des Gesamtobjekts bis zur detaillierten Planung für einen Bauantrag sind es bereits vier große Schritte. Die fünfte Leistungsphase beinhaltet die sogenannte Ausführungsplanung, auch Werkplanung genannt. In diesem Planungsprozess agieren neben dem Architekten, welcher die Objektplanung erstellt, weitere Fachplaner und Ingenieure der Fachrichtungen Statik, Heizungs-, Sanitär-, Elektro- und Lüftungstechnik. Das bedeutet, dass hier konkret die Art, die Farbe und die Positionierung der Steckdosen in den einzelnen Räumen festgelegt wird.
Generell gilt, dass eine Ausführungsplanung alle Grundrisse aufsteigend gemäß den Geschossen, Längs- und Querschnitt durch das Gebäude sowie alle Ansichten im Maßstab 1:50 zeigt. Zusätzlich werden in einzelnen Detailplänen Fundament, Bodenaufbauten, Abdichtungen, Anschlüssen von Balkon, Dach, usw. meist in Maßstäben von 1:20 bis zu 1:5 abgebildet. Alle Planungsbeteiligten bringen ihre Fachkompetenzen koordiniert in die Gesamtplanung ein, welche dann in den fortschreitenden Phasen immer detaillierter wird. Nun kennt also auch die Steckdose ihren künftigen Platz.
Beim Wohnquartier im östlichen Teil übergab der vom Bauherren beauftragte Generalunternehmer Züblin die Aufgabe der Ausführungs- bzw. Werkplanerstellung – an das Architektenbüro par terre architekten.
„In der Phase der Werkplanung nehmen die künftigen Mietwohnungen eine ganz konkrete Gestalt an. Es gilt den Entwurf so weiterzuentwickeln, dass er baulich unter Einhaltung aller gesetzlichen Regeln umsetzbar wird, ohne den zugrundeliegenden Entwurfsgedanken zu zerstören“ erklärt Florian Dosch, zuständiger Projektleiter und Planungskoordinator bei par terre architekten.
Dank einer digitalen Bauwerksdatenmodellierung, der sogenannten BIM-Planungsweise, kann par terre architekten ein dreidimensionales virtuelles Modell des Bauobjekts erstellen. Dies ermöglicht, das Gebäude möglichst real vor Augen zu haben und somit sowohl das kreative Konzept als auch zum Beispiel Schaltpläne – und damit den Ort jeder Steckdose – direkt in Umsetzung zu sehen. „Es ist von großem Vorteil, dass die Entwurfsarchitekten von su und z noch eingebunden sind und wir uns so regelmäßig mit allen Beteiligten austauschen können. Insgesamt sind wir ein großes Planungsteam, welches über die Leistungsgrenze Entwurf und Ausführungsplanung hinaus kontinuierlich zusammenarbeitet, ohne dass ursprüngliche Zielsetzung oder Know-How verloren gehen.” fügt Florian Dosch von par terre architekten an.
Stein auf Stein … Das war einmal.
Eine Besonderheit des östlichen Teils der Baustelle ist die zugrunde liegende Bauweise: Die basisgebenden Zementbauteile werden gemäß Plan vorgefertigt und vollständig von einem Werk in der Oberpfalz in die Zschokkestraße geliefert. Sobald die sogenannten Vollfertigteile vor Ort sind, können diese zu kompletten Etagen zusammengefügt werden – ähnlich wie bei LEGO werden sie neben- und aufeinander platziert. Man kann dabei zusehen wie das Gebäude wächst – an einem Tag kann so eine ganzes Geschoss entstehen. Die Vorfertigung der Bauteile verspricht zudem eine besonders hohe Qualität und ist im Vergleich zu anderen Verfahren, wie zum Beispiel das Arbeiten mit Ortbeton, besonders wertig. Es erfordert aber eine exakte Planung im Vorfeld, denn Fehler in den vorgefertigten Bauteilen können nur mit höherem Aufwand auf der Baustelle korrigiert werden. Für die Steckdose bedeutet das: Es muss weit im Voraus klar sein, wo, wieviele und welche Steckdosen in den künftigen Wohnungen angebracht werden sollen.
Der Herr der Pläne
Das Vermeiden von Fehlern, also die Kontrolle und Koordination aller Pläne für die Baustelle im östlichen Teil, liegt in der Verantwortung von Pawel Markuzel vom Generalunternehmer Züblin. Er ist der Herr über alle Pläne. Als studierter Architekt mit vielen Jahren praktischer Erfahrung auf verschiedenen Baustellen kennt er sich aus mit Bauzeitenplan, Vergabe-Terminplan, Rohbauplänen, Schalplänen, Montageplänen, TGA-Plänen, Landschaftsarchitektenpläne, F-Plänen – eben ALLEN Plänen. „Um effizient und erfolgversprechend an einem Objekt zu arbeiten, das wie hier inklusive der zwei Untergeschosse, aus bis zu zehn Geschossen besteht, ist es unabdingbar, sich mit allen Beteiligten intensiv auszutauschen. Wir nutzen eine digitale Projektplattform, auf der alle Pläne zu finden sind. Diese sind sowohl nach Zeitabschnitten, nach zu bauenden Etagen, nach Gewerken, wie auch nach Freigabeschleifen gekennzeichnet. Derzeit haben wir bereits 6.500 Pläne auf unserer Plattform – und es werden noch mehr. Das zeigt, wie unglaublich planungsintensiv und anspruchsvoll dieses Projekt ist. Auf der Plattform findet jeder Beteiligte alle Informationen: von ‘Was muss ich heute tun?’ über ‘Was muss ich für übernächste Woche einplanen?’, bis hin zu ‘Wo kommt die Steckdose hin und welche Farbe soll sie haben?”, erklärt Markuzel, dessen offizielle Bezeichnung Planungskoordinator ist. In dieser Funktion sitzt er quasi in der Mitte eines stetigen Planungs- und Freigabekreislaufes, der erst endet, wenn alle Wohnungen bewohnt werden und jeder Schalter, jede Steckdose von glücklichen Bewohnern*innen genutzt werden.
Ab jetzt wird gebaut!
Bevor etwas wirklich gebaut wird, muss der Plan für genau diesen Bauabschnitt final freigegeben werden – diese Freigabe wird auf der Projektplattform vermerkt und eine Druckerei erstellt einen geplotteten Papierplan, der geschützt in einem wasserresistenten Ziplock-Beutel auf die Baustelle geliefert wird. Der Zeitplan gibt vor, wann der physische Papierplan durch den Bauleiter auf die Baustelle gegeben werden muss, damit die Bauarbeiter wissen, was sie zu tun haben und der Zeitplan eingehalten werden kann. Sobald ein Plan den F -Status (F für Freigabe) erhalten hat, haben Stefan Lenhard als Bauleiter und der Polier Josef Schwarzfischer die tragenden Rollen. Sie übersetzen den theoretischen Plan in ein reales Gebäude. Das praktische Bauen beginnt mit ihnen.
Für den festgelegten tagesaktuellen Bauabschnitt legen sie die geplotteten Papierpläne direkt vor Ort im Rohbau bereit, sodass jeder einzelne Bauarbeiter mit einem Blick seine Aufgabe erfassen kann. Sollten Lenhard oder Schwarzfischer feststellen, dass der Plan so nicht umgesetzt werden kann oder eine kleine Anpassung vorgenommen werden muss, geben sie dies wieder zurück an Pawel Markuzel. „Es ist von großem Vorteil, dass ich als Planungskoordinator immer vor Ort auf der Baustelle bin. So haben wir kurze Wege in der Abstimmung. Wir legen die Pläne auf den Tisch, schauen gemeinsam drauf und wissen, was zu tun ist. Wir haben hier wahnsinnig erfahrene und motivierte Mitarbeiter – nur so können wir das gewünschte Ergebnis erzielen,” erklärt Markuzel. Die konkrete Aufgabenverteilung für den Bautrupp übernimmt der Vorarbeiter. Im Ost-Teil ist das in der Rohbauphase Chicco, der über extrem viel Erfahrung auf dem Bau verfügt. Chicco sorgt dafür, dass die aktuelle Aufgabe für jeden Einzelnen klar ist und der Ablauf logisch. Er ist es, der jeden Morgen seinen Männer zeigt, was ansteht und wo im Gebäude die Steckdosen angebracht werden. Den letzten Handgriff übernimmt ein Bauarbeiter. Und nun endlich: die Steckdose hat ihren Platz gefunden!
Der Weg der Steckdose ging durch viele Planungsschritte, durch viele Hände, vorbei an vielen Augen. Am Anfang war es ein Viereck auf einem Blatt Papier – nun ist es genau das, das in Zukunft dafür sorgen wird, dass die Kaffeemaschine der künftigen Bewohner*innen einen guten Kaffee kocht.
Zusammen etwas schaffen, das zusammenbringt
„Es ist ein faszinierender Ablauf aus Erfahrung, aus Anleitung, aus Sachkompetenz – und eben guter Planung,” fasst Richard Rüdt, der Geschäftsführer von GEHO-West zusammen. „Unser Leitbild manifestiert sich in der Planung und der Geist und die Idee lässt sich gut in der Architektur des Hauses wiederfinden und im Endergebnis auch erkennen.”
Zusammen. Zuhause. Zschokkestraße. Das sind die Werte und Ziele, auf denen das Bauprojekt fußt. Auf der Baustelle des Ost-Teils ist klar erkennbar, dass dieses Zusammen nicht erst durch die Bewohner*innen nach Fertigstellung stattfindet. Es ist das große Zusammen während der Bauphase, das im Nachhinein ein Zuhause ermöglicht. Das Zusammenspiel jeder einzelnen Person, jeder Aufgabe, jedem Handgriff bildet am Ende das große Ganze. Ohne dieses Zusammen wäre eine Steckdose eben nur ein kleines Viereck auf einem Stück Papier geblieben.
Wir danken für das Gespräch.